Haben politische Börsen kurze oder lange Beine?

„Kurze Beine“, sagt die Börsenweisheit. Gilt das auch für das US-Wahlergebnis? Und wie sind die Rolle der Zentralbanken und die Pandemie einzuordnen?

Zu den Top Ten der Börsenweisheiten zählt „Politische Börsen haben kurze Beine“. Viele Ereignisse muss es gegeben haben, damit die Weisheit unter den Top Ten gelandet ist. Der Spruch wurde vor allem dann gerne genutzt, wenn die Reaktion der Börsen negativ war. Der Tenor entsprach dann dem „Die Zeit heilt alle Wunden“.

Hat der Spruch Gültigkeit, dann vermag es die Politik also nicht, die Kapitalmärkte nachhaltig in eine negative Richtung zu beeinflussen. Die negative Reaktion der Börse hat den Charakter eines Strohfeuers. Nachhaltig setzen sich ökonomische Fundamentaldaten wie zum Beispiel die Gewinnentwicklungen der Unternehmen durch. Das rechtfertigt Käufe bzw. Aufstockungen statt Panikverkäufe.

Galt die Börsenweisheit gleichermaßen für Polit-Schocks und normale Führungswechsel?

Polit-Schocks hatten sehr kurze Beine

Als herausragende Schockereignisse rund um US-Präsidenten gelten die Ermordung von J. F. Kennedy 1963 und der Rücktritt von Richard Nixon 1974. Die Grafik zeigt den kurzfristigen Rückschlag und die Entwicklung nach einem Jahr.

  • Kennedys Tod hatte einen direkten Rückschlag von 2,9 % im Dow Jones zur Folge. Ein Jahr später lag der Index 16 % höher.
  • Der Rücktritt von Richard Nixon 1974 löste einen dreiwöchigen Kursrutsch von 17,6 % aus. Ein Jahr später war der Index um 23 % gestiegen.

Quelle: Bloomberg

Das Zwischenfazit lautet: Bei negativen Schocks, gemessen auf Tages- bzw. Wochenbasis, hatten die Aktienbörsen sehr kurze Beine. Aufstockungen hätten sich gelohnt. Die Börsenweisheit hatte Gültigkeit.

Normale Machtwechsel hatten meist positive kurze und lange Beine

Definiert man „kurz“ als „ein Jahr“, dann kann man die vier Jahre einer Präsidentschaft nach Amtsantritt untersuchen. Schaut man auf das erste Jahr von US-Präsidentschaften seit 1929, zeigte die Börsenentwicklung überwiegend den richtigen Trend für die nächsten Jahre an. Er war meist positiv, entfaltete sich aber erst in den drei Folgejahren. Das hing damit zusammen, dass ein neu gewählter Präsident bemüht war, seine Wahlversprechen schnell umzusetzen. *

* Quelle: https://www.visualcapitalist.com/u-s-stock-market-perform-election-years/

 Die Börsenweisheit ist in diesem Fall zu relativieren. Die politische Börse unterscheidet bei normalen Machtwechseln nicht zwischen kurz und lang. Rückschläge sind generell zu Käufen zu nutzen.

 

Wie war die Situation in Deutschland?

In Deutschland zeichneten sich drei politische Perioden vom ersten Augenblick an durch lange Trends aus:

Die Kanzlerschaften von Willy Brandt und Helmut Schmidt brachten eine durchgehend negative Börsenentwicklung mit sich.

Der sich über mehrere Monate erstreckenden Übergabe der Amtsgeschäfte an Helmut Kohl sind sowohl kurz- als auch langfristige positive Börsenentwicklungen zuzuschreiben.

Gleiches wird für die Kanzlerschaft von Angela Merkel gelten. Bei ihrem Amtsantritt im September 2005 stand der DAX auf dem Niveau von 5.000 Punkten. Er hat sich mehr als verdoppelt.

Die folgende Grafik zeigt den Wertverlauf des zu Beginn aller Kanzlerschaften auf 100 indexierten DAX.

Quelle: https://www.bild.de/geld/mein-geld/dax/und-boerse-im-regierungscheck-53363462.bild.html

Das Fazit entspricht dem der USA-Analyse. Rückschläge sind zu Käufen zu nutzen.

Wie ist die Situation heute? Welche Handlungsempfehlung gibt es?

Bislang oblag es im Wesentlichen den gewählten Machthabern, politische Umwälzungen, Kriege und Rohstoffkrisen erfolgreich zu bewältigen. Die Notenbanken agierten auftragsgemäß unabhängig. Diesen Tenor zeigen auch die oben angeführten Auswertungen.

Die heutige Situation ist aber im Kontext der Lehman-Pleite und der Finanzmarktkrise vor zwölf Jahren zu sehen. Beides sind „Game Changer“ hinsichtlich der Börsenweisheit. Die Politik hat ihre Rolle als wichtiger Gestalter des Börsenumfelds abgegeben. Abgestimmte Entscheidungen zwischen der Wirtschafts- und der Notenbankpolitik haben seitdem begonnen, die Bedeutung der für die Kursentwicklung wichtigen Unternehmensgewinne zu überlagern.

Im globalen Kontext hat der Schulterschluss von Politik und Zentralbanken eine neue Supermacht geschaffen. Sie dominiert den Verlauf der Aktienkurse. Das „Whatever it takes“ von Mario Draghi steht stellvertretend dafür.

Vor diesem Hintergrund bekommt die US-Wahl eine andere Bedeutung. Sowohl Donald Trump als auch Joe Biden sind bereit, ihre Wirtschaftsförderung durch noch mehr Verschuldung zu finanzieren. Zwar würden beide unterschiedliche Schwerpunkte bei den Ausgaben legen, unterschiedliche Wirtschaftsimpulse geben und damit in einer Bevorzugung bestimmter Wirtschaftszweige münden. Gemeinsam ist beiden Konjunkturprogrammen jedoch die aus heutiger Sicht geschätzte Größenordnung von 5 Bio. US-Dollar für die nächsten zehn Jahre. Faktisch erfolgt die Finanzierung durch die Notenbank durch Käufe der dazu begebenen Staatsanleihen. Das zahlt sich auch bei der Bekämpfung der Pandemie aus. Kurzfristig war die Reaktion der Börsen auf einen unklaren Wahlausgang daher positiv.

Das Fazit lautet nun: Kurze Beine gibt es weiterhin. Im ursprünglichen Sinne „politisch“ sind sie nicht mehr. Zu Käufen sollten sie auf jeden Fall genutzt werden. Die Supermacht sorgt für steigende Kurse.

Autor: Rolf Krahe

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